Nutze die Zeit
In seinem
Werk Über die Kürze des Lebens
widerspricht er der Ansicht, dass das menschliche Leben allzu kurz sei.
Vielmehr würden die meisten Menschen ihre Zeit sinnlos vergeuden.
Wir haben keine knappe Zeitspanne, wohl aber
viel davon vergeudet. Unser Leben ist lang genug und zur Vollendung der größten
Taten reichlich bemessen, wenn es im Ganzen gut verwendet würde; aber sobald es
in Genusssucht und Nachlässigkeit zerrinnt, sobald es für nichts Gutes
aufgewendet wird, merken wir erst unter dem Druck der letzten Notwendigkeit,
dass es vergangen ist, während wir gar nicht erkannten, dass es dahinging. So
ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es dazu
gemacht; wir sind nicht arm an Leben, sondern gehen verschwenderisch damit um. (Über die Kürze des Lebens 1,3-4)
Er warnt
auch eindringlich davor, Dinge, die einem wichtig sind, auf einen späteren Zeitpunkt
aufzuschieben. Es ist unvernünftig, etwa bis ins Alter zu warten, um sich
selbst zu verwirklichen, da es überaus unsicher ist, ob man dieses Überhaupt
erlebt,
Ihr lebt, als lebtet ihr ewig, niemals kommt
euch eure Gebrechlichkeit in den Sinn. Ihr beachtet nicht, wie viel Zeit schon
vergangen ist. Wie aus Fülle und Überfluss verschwendet ihr sie, während doch
inzwischen vielleicht gerade der Tag der letzte ist, den man einem Menschen
oder einer Sache widmen kann. Alles fürchtet ihr wie Sterbliche, alles wünscht
ihr euch wie Unsterbliche. Du wirst sehr viele sagen hören: „Vom fünfzigsten
Lebensjahr ab werde ich mich in die Ruhe zurückziehen, das sechzigste wird mich
aus allen Verpflichtungen entlassen.“ Und wen bekommst du schließlich als
Bürgen für ein längeres Leben? Wer wird es zulassen, dass alles so geht, wie du
es dir einteilst? Schämst du dich nicht, die Reste deines Lebens für dich
aufzusparen und nur die Zeit für die wahre geistige Besinnung zu bestimmen, die
für nichts anderes verwendet werden kann? Wie spät ist es doch, dann mit dem
Leben zu beginnen, wenn man es beenden muss! Wie töricht ist das Vergessen der
Sterblichkeit, vernünftige Entschlüsse auf das fünfzigste und sechzigste Jahr
zu verschieben und das Leben dort anfangen zu wollen, wohin es nur wenige
gebracht haben? (Über die Kürze des
Lebens 3, 4-5)
Auch in einem anderen wichtigen Werk kommt Seneca noch einmal auf dieses Thema zu sprechen. In seinen Briefen an Lucilius, einer Sammlung von Kunstbriefen, in denen er den um einige Jahre jüngeren Ritter Lucilius in der stoischen Philosophie unterweist, betont er nochmals, dass man einerseits nicht das Leben nicht mit unwürdigen Tätigkeiten verplempern und andererseits die wichtigen Dinge im Leben nicht aufschieben soll.
Ein Teil unserer Zeit wird uns entrissen, ein
anderer unbemerkt entzogen, ein dritter wieder zerrinnt uns. Am schimpflichsten
aber ist wohl der Verlust aus Nachlässigkeit. Betrachten wir es einmal genauer:
der größte Teil unseres Lebens geht dahin mit unwürdigem Tun, ein großer mit
Nichtstun, das ganze Leben mit belangloser Beschäftigung. Kannst du mir
jemanden nennen, der wirklich Wert auf Zeiteinteilung legt, der jeden Tag zu
schätzen weiß, der begreift, dass er täglich stirbt? […] Was von unserer
Lebenszeit hinter uns liegt, hat schon der Tod. Also, Lucilius, tu, was Du, Deinem
Schreiben nach, ja schon tust: Nimm all deine Stunden zusammen. Wenn Du Dein
Heute fest in die Hände nimmst, wirst Du vom Morgen weniger abhängig. Vertagt man
sein Leben, schon ist’s vorüber! (Briefe
an Lucilius 1, 1-3)
Dieser
Gedanke wird auch in einer der meistzitierten Sentenzen der römischen Antike
vom Dichter Quintus Horatius Flaccus aufgegriffen.
Du frage nicht – zu wissen wäre Frevel - , was mir, was dir
als Ziel die Götter gesetzt, Leukonoe, auch nicht babylonische
Sternzeichen
prüfe! Wie viel besser: Was auch geschieht, zu tragen.
Ob
viele Winter noch, ob gewährt hat Jupiter schon den letzten,
der
jetzt an widerstrebenden Klippen bricht das Meer
Tyrrhenias
– weise sei, kläre den Wein, auf kurze Dauer
langwährende
Hoffnung bemiss! Da wir noch sprechen, ist schon entflohen die
neidische
Zeit: pflücke diesen Tag, nimmer trau dem nächsten!
(Oden 1, 11):
Der Dichter
ermahnt, die schnell entfliehende Zeit zu nutzen. In einer Metapher, die der Gartenwelt
entlehnt ist, ruft er dazu auf, den Tag wie eine reife Frucht zu pflücken. Man
soll das Heute nutzen, den gegenwärtigen Augenblick genießen und sich nicht auf
ein unsicheres Morgen verlassen. Das ist keine hedonistische einladung zur
Maßlosigkeit, sondern vielmehr die Anregung zu einer bewussten Gestaltung des
Lebens, Augenblicke zu schätzen und Chancen zu ergreifen, wenn sie sich bieten.
In diesem Sinne fand der Spruch vielfältige Resonanz in den Werken der
Renaissance bis zur modernen Popkultur. So ist die Sentenz auch ein Leitmotiv
im Film-Klassiker „Der Club der toten Dichter“, in dem der unkonventionelle
Lehrer John Keating seine Schüler auffordert, mutig ihren eigenen Weg zu finden
und ihren Leidenschaften zu folgen: „Carpe diem! Nutzt den Tag, Jungs. Macht
etwas Außergewöhnliches aus Eurem Leben!“
Welche Lektionen können moderne Führungskräfte von Seneca lernen?
- Hinterfragen Sie Ihre
"Aufschieberitis" radikal. Welche Initiativen, Projekte oder
persönlichen Entwicklungsschritte verschieben Sie auf "nach dem
nächsten Meilenstein"? Seneca würde fragen: Wer garantiert Ihnen,
dass Sie diesen Zeitpunkt erleben oder dass Sie dann noch die Energie
haben? Priorisieren Sie heute, was wirklich wichtig ist, nicht was
dringend erscheint.
- Investieren Sie Zeit in das,
was Bestand hat.
Seneca warnt vor "unwürdigem Tun" und "belangloser
Beschäftigung". Übertragen Sie das auf Ihre Führungsrolle: Verbringen
Sie Ihre Zeit mit Dingen, die echten Wert schaffen – Talententwicklung,
strategische Weichenstellungen, Beziehungsaufbau – statt im
Meeting-Marathon zu versinken, der morgen schon vergessen ist.
- Seien Sie das Vorbild für bewusstes Leben. Wenn Sie als Führungskraft demonstrieren, dass Sie das Heute nutzen, Chancen ergreifen und nicht alles auf "später" verschieben, prägen Sie die Kultur Ihres Teams. „Carpe diem“ ist keine Rechtfertigung für Kurzsichtigkeit, sondern ein Aufruf zu mutigen Entscheidungen im Hier und Jetzt.
Der
größte Teil unseres Lebens geht dahin mit unwürdigem Tun, ein großer mit
Nichtstun, das ganze Leben mit belangloser Beschäftigung.
— Seneca, Briefe an Lucilius
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