Nutze die Zeit

 

Die begrenzte Lebenszeit, die den Menschen zur Verfügung steht, war eines der großen Themen, die den Philosophen Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.) beschäftigten. Seneca gilt als ein wichtiger Vertreter der römischen Stoa und hinterließ zahlreiche philosophische Schriften. Seine Ansichten über die Ethik, den Umgang mit Schicksalsschlägen und die Lebenskunst prägen das abendländische Denken bis heute. Seneca war aber nicht nur Philosoph, sondern auch als Führungskraft in den höchsten Ebenen des römischen Reiches erfolgreich. So wirkte er über viele Jahre als Erzieher und anschließend Berater des römischen Kaisers Nero. Er bekleidete auch höchste Staatsämter und war einer der reichsten Männer Roms.

 


 

In seinem Werk Über die Kürze des Lebens widerspricht er der Ansicht, dass das menschliche Leben allzu kurz sei. Vielmehr würden die meisten Menschen ihre Zeit sinnlos vergeuden.

 

Wir haben keine knappe Zeitspanne, wohl aber viel davon vergeudet. Unser Leben ist lang genug und zur Vollendung der größten Taten reichlich bemessen, wenn es im Ganzen gut verwendet würde; aber sobald es in Genusssucht und Nachlässigkeit zerrinnt, sobald es für nichts Gutes aufgewendet wird, merken wir erst unter dem Druck der letzten Notwendigkeit, dass es vergangen ist, während wir gar nicht erkannten, dass es dahinging. So ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es dazu gemacht; wir sind nicht arm an Leben, sondern gehen verschwenderisch damit um. (Über die Kürze des Lebens 1,3-4)

 

Er warnt auch eindringlich davor, Dinge, die einem wichtig sind, auf einen späteren Zeitpunkt aufzuschieben. Es ist unvernünftig, etwa bis ins Alter zu warten, um sich selbst zu verwirklichen, da es überaus unsicher ist, ob man dieses Überhaupt erlebt,

 

Ihr lebt, als lebtet ihr ewig, niemals kommt euch eure Gebrechlichkeit in den Sinn. Ihr beachtet nicht, wie viel Zeit schon vergangen ist. Wie aus Fülle und Überfluss verschwendet ihr sie, während doch inzwischen vielleicht gerade der Tag der letzte ist, den man einem Menschen oder einer Sache widmen kann. Alles fürchtet ihr wie Sterbliche, alles wünscht ihr euch wie Unsterbliche. Du wirst sehr viele sagen hören: „Vom fünfzigsten Lebensjahr ab werde ich mich in die Ruhe zurückziehen, das sechzigste wird mich aus allen Verpflichtungen entlassen.“ Und wen bekommst du schließlich als Bürgen für ein längeres Leben? Wer wird es zulassen, dass alles so geht, wie du es dir einteilst? Schämst du dich nicht, die Reste deines Lebens für dich aufzusparen und nur die Zeit für die wahre geistige Besinnung zu bestimmen, die für nichts anderes verwendet werden kann? Wie spät ist es doch, dann mit dem Leben zu beginnen, wenn man es beenden muss! Wie töricht ist das Vergessen der Sterblichkeit, vernünftige Entschlüsse auf das fünfzigste und sechzigste Jahr zu verschieben und das Leben dort anfangen zu wollen, wohin es nur wenige gebracht haben? (Über die Kürze des Lebens 3, 4-5)




Auch in einem anderen wichtigen Werk kommt Seneca noch einmal auf dieses Thema zu sprechen. In seinen Briefen an Lucilius, einer Sammlung von Kunstbriefen, in denen er den um einige Jahre jüngeren Ritter Lucilius in der stoischen Philosophie unterweist, betont er nochmals, dass man einerseits nicht das Leben nicht mit unwürdigen Tätigkeiten verplempern und andererseits die wichtigen Dinge im Leben nicht aufschieben soll.

 

Ein Teil unserer Zeit wird uns entrissen, ein anderer unbemerkt entzogen, ein dritter wieder zerrinnt uns. Am schimpflichsten aber ist wohl der Verlust aus Nachlässigkeit. Betrachten wir es einmal genauer: der größte Teil unseres Lebens geht dahin mit unwürdigem Tun, ein großer mit Nichtstun, das ganze Leben mit belangloser Beschäftigung. Kannst du mir jemanden nennen, der wirklich Wert auf Zeiteinteilung legt, der jeden Tag zu schätzen weiß, der begreift, dass er täglich stirbt? […] Was von unserer Lebenszeit hinter uns liegt, hat schon der Tod. Also, Lucilius, tu, was Du, Deinem Schreiben nach, ja schon tust: Nimm all deine Stunden zusammen. Wenn Du Dein Heute fest in die Hände nimmst, wirst Du vom Morgen weniger abhängig. Vertagt man sein Leben, schon ist’s vorüber!  (Briefe an Lucilius 1, 1-3)

 

Dieser Gedanke wird auch in einer der meistzitierten Sentenzen der römischen Antike vom Dichter Quintus Horatius Flaccus aufgegriffen.

 

Du frage nicht – zu wissen wäre Frevel - , was mir, was dir

als Ziel die Götter gesetzt, Leukonoe, auch nicht babylonische

Sternzeichen prüfe! Wie viel besser: Was auch geschieht, zu tragen.

Ob viele Winter noch, ob gewährt hat Jupiter schon den letzten,

der jetzt an widerstrebenden Klippen bricht das Meer

Tyrrhenias – weise sei, kläre den Wein, auf kurze Dauer

langwährende Hoffnung bemiss! Da wir noch sprechen, ist schon entflohen die

neidische Zeit: pflücke diesen Tag, nimmer trau dem nächsten!

(Oden 1, 11):

 

Der Dichter ermahnt, die schnell entfliehende Zeit zu nutzen. In einer Metapher, die der Gartenwelt entlehnt ist, ruft er dazu auf, den Tag wie eine reife Frucht zu pflücken. Man soll das Heute nutzen, den gegenwärtigen Augenblick genießen und sich nicht auf ein unsicheres Morgen verlassen. Das ist keine hedonistische einladung zur Maßlosigkeit, sondern vielmehr die Anregung zu einer bewussten Gestaltung des Lebens, Augenblicke zu schätzen und Chancen zu ergreifen, wenn sie sich bieten. In diesem Sinne fand der Spruch vielfältige Resonanz in den Werken der Renaissance bis zur modernen Popkultur. So ist die Sentenz auch ein Leitmotiv im Film-Klassiker „Der Club der toten Dichter“, in dem der unkonventionelle Lehrer John Keating seine Schüler auffordert, mutig ihren eigenen Weg zu finden und ihren Leidenschaften zu folgen: „Carpe diem! Nutzt den Tag, Jungs. Macht etwas Außergewöhnliches aus Eurem Leben!“

 

Welche Lektionen können moderne Führungskräfte von Seneca lernen?

  • Hinterfragen Sie Ihre "Aufschieberitis" radikal. Welche Initiativen, Projekte oder persönlichen Entwicklungsschritte verschieben Sie auf "nach dem nächsten Meilenstein"? Seneca würde fragen: Wer garantiert Ihnen, dass Sie diesen Zeitpunkt erleben oder dass Sie dann noch die Energie haben? Priorisieren Sie heute, was wirklich wichtig ist, nicht was dringend erscheint.
  • Investieren Sie Zeit in das, was Bestand hat. Seneca warnt vor "unwürdigem Tun" und "belangloser Beschäftigung". Übertragen Sie das auf Ihre Führungsrolle: Verbringen Sie Ihre Zeit mit Dingen, die echten Wert schaffen – Talententwicklung, strategische Weichenstellungen, Beziehungsaufbau – statt im Meeting-Marathon zu versinken, der morgen schon vergessen ist.
  • Seien Sie das Vorbild für bewusstes Leben. Wenn Sie als Führungskraft demonstrieren, dass Sie das Heute nutzen, Chancen ergreifen und nicht alles auf "später" verschieben, prägen Sie die Kultur Ihres Teams. „Carpe diem“ ist keine Rechtfertigung für Kurzsichtigkeit, sondern ein Aufruf zu mutigen Entscheidungen im Hier und Jetzt.

 


 

Der größte Teil unseres Lebens geht dahin mit unwürdigem Tun, ein großer mit Nichtstun, das ganze Leben mit belangloser Beschäftigung.

— Seneca, Briefe an Lucilius

 

Kommentare