Die Macht der Bescheidenheit



In seiner römischen Geschichte von der Gründung der Stadt an (ab urbe condita) berichtet der römische Historiker Livius von Lucius Quinctius Cincinnatus. Dieser wurde wohl um 520 v. Chr. geboren und stammte aus einem alten und wohlhabenden römischen Adelsgeschlecht. Als im Jahr 460 v. Chr. der amtierende Konsul Publius Valerius Poplicola in einem Kampf getötet wurde, übernahm Cincinnatus dessen Amt. Ein solcher Nachrücker auf das Amt eines Konsuls wird als Suffektkonsul bezeichnet. Kurz darauf wurde sein Sohn Caeso, der wie sein Vater ein erbitterter Gegner der Plebejer war, von einem politischen Gegner fälschlicherweise des Mordes bezichtigt. Gegen eine hohe Kaution wurde er jedoch bis zur Verhandlung auf freien Fuß gesetzt und nutzte diese Gelegenheit zur Flucht nach Etrurien. In Abwesenheit wurde er daraufhin schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Die Kaution wurde von seinem Vater eingetrieben, und die hohe Summe trieb diesen in die Armut. Lucius Quinctius Cincinnatus zog sich daraufhin aus Rom auf sein Landgut auf der anderen Seite des Tibers zurück.


Nicht lange danach, im Jahr 458 v. Chr., wurde Rom durch Angriffe der Völker der Aequer und Sabiner in seiner Existenz gefährdet. Die amtierenden Konsuln Minucius und Nautius konnten die Bedrohung nicht abwehren, und daher beschloss man im Senat, in dieser Notlage einen Diktator zu ernennen. Die Diktatur war ein besonderes Amt, dessen Inhaber umfangreiche Befugnisse besaß, anders als dies bei römischen Ämtern üblich war, auch keinen Kollegen hatte, sich für seine Amtsführung nicht rechtfertigen musste und auch später nicht dafür belangt werden konnte. Ein Diktator wurde nur in besonders bedrohlichen Situationen für höchstens ein halbes Jahr ernannt. Im Jahr 458 v. Chr. fiel die Wahl des Senats auf Lucius Quinctius Cincinnatus.






Die Gesandten, welche ihm diese Entscheidung überbringen sollten, trafen ihn bei der Feldarbeit an. Nach gegenseitiger Begrüßung sagten ihm die Boten, er solle die Anträge des Senats in seiner Toga hören. Cincinnatus ließ sich daraufhin von seiner Frau seine Toga aus dem Haus bringen, und sobald er sie angelegt hatte, begrüßten ihn die Gesandten als neuen Diktator und schilderten ihm die Lage des Staates. Sofort verließ Cincinnatus sein Landgut und begab sich in die Stadt Rom, um bei der Rettung seiner Heimat mitzuhelfen.

Es gelang ihm, die Bedrohung durch die feindlichen Völker abzuwenden, und bereits am sechzehnten Tag seiner Diktatur legte er sein hohes Amt wieder nieder und zog sich erneut auf seinen Hof und ins Privatleben zurück. Einige Jahre später, 439 v. Chr., wurde Cincinnatus erneut zum Diktator ernannt, als der Plebejer Spurius Maelius einen Staatsstreich plante. Wieder unterbrach er seinen Ruhestand, um den Staat zu retten. Diesmal konnte er die Gefahr innerhalb von drei Wochen abwenden und legte sein Amt am 21. Tag wieder nieder.






Durch sein Verhalten wurde Cincinnatus zur Legende. Wenn Rom seine Fähigkeiten benötigte, stand er bereit. Zweimal wurde er in das höchste Staatsamt berufen. Stets folgte er diesem Ruf ohne Rücksicht auf sein Privatleben. Und in beiden Fällen legte er die ihm verliehene Macht so rasch wie möglich wieder nieder, obwohl er hätte länger behalten können. Anders als andere nutzte er die umfangreichen Kompetenzen, die man ihm zugestand, nicht für persönliche Vorteile. Das war keine Schwäche. Cincinnatus war ein fähiger Kommandeur, der binnen weniger Tage eine scheinbar ausweglose Situation umkehrte. Er stellte seine Kompetenz jedoch in den Dienst an einer größeren Sache.

Seine Glaubwürdigkeit als Diktator speiste sich paradoxerweise daraus, dass jeder wusste: Er will dieses Amt nicht. Gerade weil er die Macht nicht begehrte, besaß er die moralische Autorität, sie auszuüben. Er ist damit ein schon in der Antike gefeiertes Beispiel für Führung ohne Eigennutz. Er zeigt, dass wahre Autorität nicht aus dem Streben nach Macht entsteht, sondern aus Verantwortung, Integrität und dem Dienst an der Gemeinschaft.




Als Symbol für Tugend galt Cincinnatus bis in die Moderne als Vorbild. So gründeten Offiziere des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges die „Society of the Cincinnati", deren Ziel es war, „mit unablässiger Aufmerksamkeit die Rechte und Freiheiten der menschlichen Natur zu erhalten, für die wir gekämpft und geblutet haben", „das Glück der Staaten und die zukünftige Würde des amerikanischen Reichs zu fördern" und „besonders jene Offiziere und ihre Familien zu unterstützen, die in ihrer Not darauf angewiesen sind". Erster Präsident dieser Gesellschaft, die noch heute existiert, und nach der auch die Großstadt Cincinnati benannt ist, wurde George Washington. Dieser sollte später selbst zum modernen Cincinnatus werden. Als erster Präsident der Vereinigten Staaten hätte Washington die Macht gehabt, auf Lebenszeit im Amt zu bleiben. Stattdessen verzichtete er nach zwei Amtszeiten freiwillig auf eine Wiederwahl und schuf damit einen Präzedenzfall, der über 150 Jahre lang befolgt wurde und erst 1951 in der Verfassung verankert wurde. Wie sein römisches Vorbild kehrte Washington nach seinem Rücktritt auf sein Landgut Mount Vernon zurück.

Dass das Vorbild des Cincinnatus freilich auch rhetorisch missbraucht wird, zeigt die Rede des ehemaligen britischen Premierministers Boris Johnson, der sich am Tag seines Ausscheidens aus dem Regierungsamt mit Cincinnatus verglich und meinte, er kehre nun zu seinem Pflug zurück.



Was können moderne Führungskräfte von Cincinnatus lernen?

  • Dienst statt Eigennutz: Führung soll dem Erfolg des Teams oder der Organisation dienen, nicht der Selbstverherrlichung.
  • Entscheidungsstärke in Krisen: Cincinnatus handelte schnell und effektiv, als die Situation es erforderte. Als der Staat in Gefahr war, ließ er alles andere stehen und liegen und eilte zur Hilfe.
  • Die Fähigkeit, im richtigen Moment loszulassen: Macht ist temporär. Eine gute Führungskraft weiß, wann sie Verantwortung übernehmen muss, und auch, wann diese wieder abgegeben werden sollte. Der richtige Moment ist etwa erreicht, wenn die Krise bewältigt ist und operative Stabilität wieder eingekehrt ist – auch wenn das Team noch nach der starken Hand ruft.

Das Vorbild des Cincinnatus lehrt, dass wahre Autorität aus Kompetenz und Charakter erwächst, nicht aus Titeln oder Selbstdarstellung. Es zeigt, dass die schwierigste und vielleicht wichtigste Führungsentscheidung darin bestehen kann, im richtigen Moment loszulassen und die Macht abzugeben, anstatt sich daran zu klammern.

Anders als Cincinnatus, der in einem System wirkte, das ihn nach sechs Monaten automatisch entmachtete, müssen moderne Führungskräfte freilich selbst die Strukturen schaffen, die sie zur Machtabgabe zwingen – etwa durch Amtszeitbegrenzungen, klare Nachfolgeplanung oder die bewusste Delegation von Verantwortung. Führung ist keine Karrierestufe, sondern ein Dienst an einer größeren Sache. Man übernimmt Verantwortung, wenn man gebraucht wird, nicht weil man nach Ruhm strebt.

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