Nicht alles passt für jeden – Von der Wahl der richtigen Ziele
Mehr Umsatz, ein größeres Team, schnellere Expansion – und am besten auch noch den Marathon unter drei Stunden laufen. Moderne Führungskräfte jonglieren mit immer mehr Zielen gleichzeitig. Dass gerade diese Vielzahl zum Scheitern führt, wusste schon Plutarch vor fast 2000 Jahren. Der griechische Philosoph warnte eindringlich davor, sich zu verzetteln – und lieferte eine Anleitung zur richtigen Zielsetzung.
Plutarch
(ca. 45 – 125 n. Chr.) stammte aus dem boiotischen Chaironeia, wo er einen
Kreis von Schülern um sich versammelte. Er war einer der produktivsten Autoren
der Antike: Zu seinen zahlreichen Werken zählen einerseits Doppelbiographien,
in denen er jeweils einen bedeutenden Griechen und einen Römer gegenüber
stellte. Andererseits verfasste er die sog. Moralia,
eine Sammlung von Schriften, die sich mit den unterschiedlichsten Themen
beschäftigen – Philosophie, Religion, Musik, Lebensführung, Charakterzügen,
Kindererziehung, Naturwissenschaften oder Geschichte. In seinem Buch Über die Seelenruhe betont er, dass man
zwangsläufig scheitert, wenn man unrealistische Ziele verfolgt. Besonders
kritisiert er die Begierde vieler Menschen, immer mehr besitzen und erreichen
zu wollen – oft ohne dabei zu bedenken, ob das geplante Vorhaben vielleicht
ihre Kräfte übersteigt:
Nicht weniger störend wirkt es sich auf unser
inneres Gleichgewicht aus, wenn wir unsere Ziele nicht unseren Möglichkeiten
anpassen, wie der Steuermann das Segel dem Wind anpasst. Wir setzen uns zu hohe
Ziele, und wenn wir dabei Schiffbruch erleiden, machen wir einen bösen Dämon
und unser Schicksal dafür verantwortlich statt unsere Torheit. Wer mit dem
Pflug schießen und mit dem Ochsen den Hasen jagen will, ist kein Opfer eines
schlimmen Geschicks. Und wer mit Fischernetzen oder mit Schleppnetzen keine
Hirsche und Wildschweine fängt, den verfolgt kein böser Dämon. Er hat vielmehr in
seiner eigenen Dummheit und Unüberlegtheit Unerreichbares in Angriff genommen. Hieran
ist hauptsächlich die Eigenliebe schuld: Sie verführt die Menschen, immer die Ersten,
immer und überall Sieger sein zu wollen und in unersättlicher Begierde nach allem
zu greifen. Die Menschen wollen nicht nur gleichzeitig reich und gelehrt und
stark sein, begehrte Gesellschafter, allseits beliebt, Freunde von Königen,
Staatsoberhäupter, nein, wenn sie nicht auch noch Hunde und Pferde, Wachteln
und Hähne besitzen, die erste Preise gewinnen, dann haben sie gar keine Freude
am Leben! (Moralia 471):
Plutarchs
Metapher vom Steuermann, der das Segel dem Wind anpasst, trifft den Kern
erfolgreicher Strategie: Es geht nicht darum, den Wind zu ignorieren oder gegen
ihn anzukämpfen, sondern die eigenen Mittel realistisch an die Gegebenheiten
anzupassen. Moderne Führungskräfte würden von „Agilität" sprechen. Er
diagnostiziert als Kernproblem nicht mangelnden Ehrgeiz, sondern narzisstische
Selbstüberschätzung: Die „Eigenliebe" verführt Menschen dazu, überall die
Ersten sein zu wollen, ohne zu prüfen, ob sie dafür überhaupt geeignet sind. Sie
setzen sich Ziele, die sie nicht erreichen können, und wenn sie scheitern,
geben sie dem Schicksal oder anderen dafür die Schuld. Seine absurden Beispiele
– mit dem Pflug schießen, mit Fischernetzen Wildschweine jagen – wirken
komisch, treffen aber ins Schwarze: Wie oft setzen Unternehmen völlig
ungeeignete Instrumente ein, um unrealistische Ziele zu erreichen, etwa wenn
man mit einer Kostensenkungsstrategie Wachstum erzwingen will?
Wenig
später zieht Plutarch dann folgendes Fazit:
So ist es nun einmal: Es passt einfach nicht
alles für jeden. Man sollte den Spruch des Apollon von Delphi beherzigen,
nämlich sich selbst kennenzulernen, und sich dann darauf verlegen, wofür man
von Natur geeignet ist, ohne sich dahin und dorthin zu anderen Lebensformen
ziehen zu lassen und dieser Natur Gewalt antun. (Moralia 472)
Plutarch nimmt hier auf einen bekannte Sinnspruch Bezug, der in der Vorhalle des Apollontempels im Heiligtum von Delphi stand, wo er selbst als Priester wirkte. Auf einer Säule stand dort geschrieben: „Erkenne dich selbst“. Dieses Motto ruft zur Selbstreflexion auf: Erkenne dein Wesen und deine Rolle, aber auch deine Grenzen und Unzulänglichkeiten. Ebenfalls im Apollontempel war eine zweite Maxime angebracht: „Nichts im Übermaß“. Diese Lebensweisheit warnt vor der Hybris, der Maßlosigkeit und Selbstüberhebung, und mahnt zur Mäßigung und zum Halten des rechten Maßes.

Diese beiden delphischen Prinzipien bilden ein perfektes Gegensatzpaar für moderne Zielsetzung: „Erkenne dich selbst" fordert schonungslose Selbstanalyse – heute würden wir von einer ehrlichen SWOT-Analyse der eigenen Person oder Organisation sprechen. Welche Stärken habe ich wirklich? Wo sind meine blinden Flecken? Welche Rolle kann ich authentisch ausfüllen? „Nichts im Übermaß" warnt vor der Hybris, der Selbstüberhebung, die glaubt, alles gleichzeitig erreichen zu können. In der modernen Arbeitswelt zeigt sich diese Maßlosigkeit in der Burnout-Kultur vieler Unternehmen: immer schneller, immer mehr, immer höher. Plutarch und die delphischen Weisen hätten solche Exzesse als Verstoß gegen die natürliche Ordnung gesehen. Nachhaltige Zielsetzung bedeutet: das rechte Maß finden zwischen Ambition und Realismus, zwischen Wachstum und Bewahrung.
Auch Plutarchs
Zeitgenosse, der Philosoph Epiktet, mahnte dazu, sich zu überlegen, was man
wirklich will. Epiktet (50-125 n. Chr.) war der wichtigste Vertreter der Stoa
in der frühen Kaiserzeit. Er stammte aus Phrygien und lebte in Rom als Sklave
eines kaiserlichen Freigelassenen, der ihn beim Philosophen Musonius Rufus
studieren ließ. Nach seiner eigenen Freilassung unterrichtete Epiktet in Rom,
ehe er die Stadt 89 n. Chr. im Rahmen einer allgemeinen Philosophenvertreibung
unter Kaiser Domitian verlassen musste. Er ließ sich nun in Nikopolis in
Griechenland nieder, wo der Geschichtsschreiber Arrian seine Vorträge hörte und
die Lehrgespräche des Philosophen niederschrieb. Ebenso verfasste Arrian das Handbüchlein
(Encheiridion), in dem er grundlegende Gedanken Epiktets zusammenfasste. Dazu
zählt die Ansicht, dass man sich genau überlegen soll, was man wirklich will
und welche Folgen jede Entscheidung mit sich bringt. Hat man sich für etwas
entschieden, soll man sich daran halten anstatt gedankenlos von Interesse zu
Interesse zu hüpfen:
Bei allem, was du tust, bedenke die
Voraussetzungen und Folgen und geh erst dann ans Werk. Andernfalls wirst du
anfangs voll Begeisterung an die Sache herangehen, da du ja keine der möglichen
Entwicklungen bedacht hast, später aber, wenn irgendwelche Schwierigkeiten
auftauchen, schmählich aufgeben. Du willst bei den Olympischen Spielen siegen?
Ich auch, bei den Göttern, denn das ist eine feine Sache. Aber bedenke die
Voraussetzungen und die Folgen und dann erst pack die Sache an. Du musst dich einer
harten Disziplin unterwerfen, eine strenge Diät befolgen, musst auf Süßigkeiten
verzichten, auf Kommando trainieren – zu festgesetzter Zeit, bei Hitze und
Kälte; dann darfst du kein kaltes Wasser trinken, keinen Wein, wenn du Lust
dazu hast, kurz: Du musst dich deinem Trainer wie einem Arzt ausliefern. Dann,
beim Wettkampf, musst du dich im Sand wälzen, kannst dir den Arm ausrenken, den
Knöchel verstauchen, eine Menge Staub schlucken, manchmal auch Hiebe bekommen –
und musst trotz allem vielleicht eine Niederlage einstecken. Dies alles erwäge,
und hast du dann noch Lust, dann geh zum Wettkampf. Andernfalls wirst du dich
wie die Kinder benehmen, die bald Ringkampf, bald Gladiatorenkampf spielen,
jetzt Trompete blasen, dann Theater spielen. So bist auch du heute ein Wettkämpfer,
morgen ein Gladiator, dann wieder Redner, und dann Philosoph, aber nichts mit
ganzer Seele. Nein, wie ein Affe machst du alles nach, was du siehst, und bald
gefällt dir dieses, bald jenes. Denn du gehst eben an eine Aufgabe heran, ohne
sie dir vorher überlegt und von allen Seiten in Augenschein genommen zu haben;
dich treibt nur der blinde Zufall und ein frostiges Verlangen. (Handbüchlein
29)
Epiktets Olympia-Beispiel ist ein Meisterwerk der Zielsetzungslogik. Er sagt nicht: „Träume nicht zu groß!" – im Gegenteil, er teilt die Begeisterung für das große Ziel. Aber er fordert: Wer ein Ziel wählt, muss den vollen Preis kennen und bereit sein, ihn zu zahlen. Olympiasieger werden bedeutet: Verzicht auf Süßigkeiten, Training bei Hitze und Kälte, sich einem Trainer völlig ausliefern, Verletzungen riskieren – und am Ende vielleicht trotzdem verlieren. Erst wenn man all das durchdacht und akzeptiert hat, sollte man starten. Sein vernichtendes Urteil über den „Affen", der allem nachahmt, trifft das aus der modernen Psychologie bekannte „Shiny Object Syndrome", das Phänomen, sich ständig von neuen aufregenden Trends oder Ideen ablenken zu lassen, anstatt laufende Projekte zu beenden. Man denke hier an Führungskräfte, die heute New Work propagieren, morgen auf KI setzen, dann wieder zurück zu traditionellen Strukturen schwenken – aber nichts mit ganzer Seele verfolgen. Epiktet würde fragen: Habt ihr die Konsequenzen eurer Strategie wirklich durchdacht, oder treibt euch nur „blinder Zufall und frostiges Verlangen"?
Das
vorherige Überlegen ist auch wichtig, bevor man sich einem Verlangen oder einem
Genuss hingibt. Epiktet betont, dass man sich stets fragen soll, ob das
Vergnügen seinen Preis auch wert ist, und man sich auch dessen Folgen und die
mögliche Reue vergegenwärtigen soll (Handbüchlein 34):
Hat dich die Vorstellung einer sinnlichen Lust
erfasst, dann hüte dich wie bei allen anderen Vorstellungen, dass du von ihr
nicht hingerissen wirst. Lass vielmehr die Sache auf dich warten und ring dir
eine gewisse Atempause ab. Dann denke an die beiden Augenblicke: an den, da du
die Lust genießen, und den, da du nach dem Genuss später alles bereuen und dir
selber Vorwürfe machen wirst. Und dem stelle gegenüber, wie du dich freuen und
selber beglückwünschen wirst, wenn du Enthaltsamkeit geübt hast. Bietet sich
dir aber eine günstige Gelegenheit zum Genuss, so pass auf, dass dich nicht das
Einlullende, das Reizende und Verführerische daran überwältigt, sondern halte
dir zum Vergleich vor Augen, wie viel schöner das Bewusstsein eines solchen
Sieges für dich ist.
Die von Epiktet geforderte „Atempause" ist mehr als eine antike Achtsamkeitsübung. Wenn man Verlockungen nicht sofort nachgibt, sondern impulsive Entscheidungen erst einmal prüft und überdenkt, kann man nicht nur peinliche Fehler vermeiden, sondern auch seine Souveränität bewahren. Statt sofort auf jede Verlockung zu reagieren, soll man innehalten und zwei Zeitpunkte imaginieren: den Moment des Genusses und den der späteren Reue. Diese Technik zwingt zur ehrlichen Kosten-Nutzen-Analyse: Was gewinne ich wirklich? Was verliere ich dabei? Und was ist wertvoller – das kurzfristige Vergnügen oder das dauerhafte Bewusstsein, die richtige Entscheidung getroffen zu haben? Für Manager bedeutet das: Nicht jede Gelegenheit muss ergriffen, nicht jeder Trend mitgemacht werden. Wer vor wichtigen Entscheidungen diese „Atempause" einlegt, durchdenkt die Folgen und dann erst handelt, gewinnt das Wichtigste zurück: die Kontrolle über die eigene Strategie.
Was
können moderne Führungskräfte daraus lernen?
- Realismus vor Hybris: Setzen Sie Ziele, die zu Ihren Ressourcen passen. Plutarch warnt: Wer mit dem Pflug schießen will, ist selbst schuld am Scheitern. Prüfen Sie ehrlich, ob Ihre Mittel zum Ziel passen. Die delphische Maxime "Erkenne dich selbst" gilt auch für Organisationen: Wer seine Stärken und Grenzen kennt, wählt die richtigen Schlachtfelder.
- Konsequenz statt Sprunghaftigkeit: Zählen Sie die Kosten, bevor Sie sich committen. Epiktets Olympia-Beispiel zeigt: Große Ziele erfordern große Opfer. Wer heute Wettkämpfer, morgen Philosoph sein will, wird nichts mit ganzer Seele tun. Fragen Sie sich bei jedem strategischen Ziel: Bin ich bereit, den vollen Preis zu zahlen – nicht nur finanziell, sondern auch in Zeit, Energie und Verzicht? Wenn nein, ist es das falsche Ziel.
- Die Pause vor der Entscheidung: Souveränität durch bewusstes Innehalten. Epiktets Rat zur "Atempause" vor impulsiven Entscheidungen ist zeitloser als jede moderne Achtsamkeitstechnik. Führungskräfte, die jeden Trend sofort mitgehen, jede Gelegenheit reflexartig ergreifen, verlieren ihre Souveränität. Wer dagegen innehält, Folgen durchdenkt und dann erst handelt, behält die Kontrolle – über die Strategie und über sich selbst.




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