Überlege, was du wirklich willst – Klare Ziele statt blinder Aktionismus

 


Epiktet (50-125 n. Chr.) war der wichtigste Vertreter der Stoa in der frühen Kaiserzeit. Er stammte aus Phrygien und lebte in Rom als Sklave eines kaiserlichen Freigelassenen, der ihn beim Philosophen Musonius Rufus studieren ließ. Nach seiner eigenen Freilassung unterrichtete Epiktet in Rom, ehe er 89 n. Chr. im Rahmen einer allgemeinen Philosophenvertreibung unter Kaiser Domitian Rom verlassen musste. Er ließ sich nun in Nikopolis in Griechenland nieder, wo ihn der Geschichtsschreiber Arrian hörte, der die Lehrgespräche des Philosophen niederschrieb. Ebenso verfasste er das Handbüchlein (Encheiridion), in dem er grundlegende Gedanken Epiktets zusammenfasste.



Einer seiner wichtigsten Ratschläge lautet, sich zunächst darüber klar zu werden, was man wirklich erreichen will. Erst wenn Ziel und Konsequenzen sorgfältig bedacht wurden, sollte man handeln. Hat man einen Entschluss gefasst, soll man ich anschließend daran halten anstatt gedankenlos von Interesse zu Interesse zu hüpfen:


Bei allem, was du tust, bedenke die Voraussetzungen und Folgen und geh erst dann ans Werk. Andernfalls wirst du anfangs voll Begeisterung an die Sache herangehen, da du ja keine der möglichen Entwicklungen bedacht hast, später aber, wenn irgendwelche Schwierigkeiten auftauchen, schmählich aufgeben.

Du willst bei den Olympischen Spielen siegen? Ich auch, bei den Göttern, denn das ist eine feine Sache. Aber bedenke die Voraussetzungen und die Folgen und dann erst pack die Sache an. Du musst dich einer harten Disziplin unterwerfen, eine strenge Diät befolgen, musst auf Süßigkeiten verzichten, auf Kommando trainieren – zu festgesetzter Zeit, bei Hitze und Kälte; dann darfst du kein kaltes Wasser trinken, keinen Wein, wenn du Lust dazu hast, kurz: Du musst dich deinem Trainer wie einem Arzt ausliefern. Dann, beim Wettkampf, musst du dich im Sand wälzen, kannst dir den Arm ausrenken, den Knöchel verstauchen, eine Menge Staub schlucken, manchmal auch Hiebe bekommen – und musst trotz allem vielleicht eine Niederlage einstecken.

Dies alles erwäge, und hast du dann noch Lust, dann geh zum Wettkampf. Andernfalls wirst du dich wie die Kinder benehmen, die bald Ringkampf, bald Gladiatorenkampf spielen, jetzt Trompete blasen, dann Theater spielen. So bist auch du heute ein Wettkämpfer, morgen ein Gladiator, dann wieder Redner, und dann Philosoph, aber nichts mit ganzer Seele. Nein, wie ein Affe machst du alles nach, was du siehst, und bald gefällt dir dieses, bald jenes. Denn du gehst eben an eine Aufgabe heran, ohne sie dir vorher überlegt und von allen Seiten in Augenschein genommen zu haben; dich treibt nur der blinde Zufall und ein frostiges Verlangen.

(Handbüchlein 29)



Epiktets Kritik wirkt erstaunlich modern. Auch heute neigen viele Menschen dazu, ständig neuen Trends, Projekten oder Karrieremöglichkeiten nachzujagen, ohne sich zu fragen, ob sie bereit sind, den dafür notwendigen Preis zu zahlen. Nachhaltiger Erfolg setzt jedoch Ausdauer und die Bereitschaft voraus, kurzfristige Versuchungen zugunsten langfristiger Ziele zurückzustellen.

Dieses vorherige Überlegen ist auch wichtig, bevor man sich einem Verlangen oder einem Genuss hingibt. Epiktet betont, dass man sich stets fragen soll, ob das Vergnügen seinen Preis auch wert ist, und man sich auch dessen Folgen und die mögliche Reue vergegenwärtigen soll:

Hat dich die Vorstellung einer sinnlichen Lust erfasst, dann hüte dich wie bei allen anderen Vorstellungen, dass du von ihr nicht hingerissen wirst. Lass vielmehr die Sache auf dich warten und ring dir eine gewisse Atempause ab. Dann denke an die beiden Augenblicke: an den, da du die Lust genießen, und den, da du nach dem Genuss später alles bereuen und dir selber Vorwürfe machen wirst. Und dem stelle gegenüber, wie du dich freuen und selber beglückwünschen wirst, wenn du Enthaltsamkeit geübt hast. Bietet sich dir aber eine günstige Gelegenheit zum Genuss, so pass auf, dass dich nicht das Einlullende, das Reizende und Verführerische daran überwältigt, sondern halte dir zum Vergleich vor Augen, wie viel schöner das Bewusstsein eines solchen Sieges für dich ist.

(Handbüchlein 34)

Wer Verlockungen nicht sofort nachgibt, sondern sich bewusst Zeit nimmt, seine Entscheidungen zu überdenken, vermeidet nicht nur kostspielige Fehlentscheidungen. Er gewinnt zugleich jene innere Gelassenheit und Selbstbeherrschung, die Epiktet als Voraussetzung eines selbstbestimmten Lebens ansah – Eigenschaften, die auch gute Führungskräfte auszeichnen.

 


Das können moderne Führungskräfte von Epiktet lernen

  • Definieren Sie klare Ziele. Wer weiß, was er wirklich erreichen will, lässt sich weniger leicht von kurzfristigen Trends oder spontanen Ideen ablenken.
  • Denken Sie Entscheidungen bis zu ihren Konsequenzen durch. Erfolg erfordert die Bereitschaft, den Preis für ein Ziel zu akzeptieren – sei es Disziplin, Ausdauer oder Verzicht.
  • Gewinnen Sie Abstand zu spontanen Impulsen. Eine kurze Denkpause verhindert viele Fehlentscheidungen und stärkt Selbstbeherrschung, Gelassenheit und Souveränität.



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