Alles oder nichts – Was wir von antiken Feldherrn über Commitment lernen können
Manchmal besteht gute Führung nicht darin, möglichst viele Optionen offenzuhalten, sondern darin, bewusst auf Möglichkeiten zu verzichten. Wenn man keinen Plan B hat, muss man sich voll und ganz auf sein Ziel konzentrieren und alles daran setzen, Erfolg zu haben.
Agathokles verbrennt seine Schiffe
Eines der spektakulärsten Beispiele für diese Vorgehensweise lieferte im Jahr 310 v. Chr. Agathokles, der Tyrann von Syrakus. Dieser führte auf Sizilien Krieg gegen die Karthager, die seine Heimatstadt belagerten. Als die Lage immer kritischer wurde, fasste Agathokles einen kühnen Plan. Er beschloss, den Krieg nach Afrika zu tragen. Im August 310 v. Chr. gelang es ihm, mit rund 14.000 Soldaten und 60 Schiffen die Blockade zu durchbrechen und nach Nordafrika überzusetzen. Um den Gegner zu täuschen, segelte er dabei auch nicht direkt nach Süden, sondern wählte einen Umweg über die sizilianische Nordküste. Sein eigentliches Ziel war es, den Gegner im eigenen Herzland zu treffen: Wenn die Karthager ihre Heimat bedroht sahen, so kalkulierte Agathokles, würden sie ihre Truppen aus Sizilien abziehen – und damit würde der Druck auf Syrakus nachlassen. Als Agathokles mit seiner Flotte in Afrika landete, griff er zu einer ungewöhnlichen Maßnahme, wie der Geschichtsschreiber Diodor berichtet:
Nachdem er diese verwegene Tat vollbracht, wagte er eine andere, noch gefährlichere. Mit Zuziehung der Befehlshaber, die seinem eigentümlichen Plane folgsam waren, veranstaltete er ein Opfer der Demeter und Kore, und hielt eine Versammlung seiner Truppen. Er trat nun bekränzt, in einem glänzenden Gewande auf, um einen öffentlichen Vortrag zu halten, und erklärte, nach einer für seine Absichten passenden Vorrede, er hätte zu der Zeit, wo die Karthager ihnen nachgesetzt hätten, ein Gelübde getan, den Schutzgöttinnen Siziliens, der Demeter und Kore, zu Ehren die sämtlichen Schiffe in Fackeln zu verwandeln. Es sei nun schicklich, dass, nachdem ihnen Rettung zuteil geworden, sie das Gelübde entrichten. Statt jener Schiffe verhieß er ihnen, weit mehrere zu verschaffen, wenn sie mutig kämpfen würden; denn die Göttinnen kündigen durch Opferzeichen Sieg für die ganze Dauer dieses Krieges an.
Während er dieses sprach, brachte ihm ein Diener eine angezündete Fackel: Diese nahm er und gebot allen Schiffshauptleuten, gleichfalls welche zu geben, rief die Göttinnen an und begab sich schnell zuerst auf das Admiralschiff, stellte sich auf das Hinterverdeck und gebot den Übrigen, das Nämliche zu tun. Da steckten nun sämtliche Schiffshauptleute ihre Fahrzeuge in Brand, und schnell loderte die Flamme in die Höhe. Die Trompeter bliesen die Weise des Schlachtgesangs, und das ganze Heer erhob ein Freudengeschrei, wobei zugleich alle für eine glückliche Heimkehr Gelübde taten. Dies tat Agathokles hauptsächlich, um allen Soldaten insgesamt in den Kämpfen den Gedanken an eine Flucht aus dem Sinne zu bringen. Denn es war nun offenbar, dass, da die Flucht auf die Schiffe ihnen abgeschnitten war, sie nur im Siege Hoffnung auf Rettung finden konnten. Da er ferner nur eine kleine Kriegsmacht hatte, so dachte er, wenn er die Schiffe bewachen lassen müsste, so würde er seine Heeresmacht teilen müssen und nicht mehr dem Feinde gewachsen sein; würde er aber die Schiffe unbesetzt lassen, so würde er nur machen, dass sie den Karthagern in die Hände fielen.
(Diodor, Historische Bibliothek 20,7)
Agathokles ließ seine Schiffe verbrennen und erklärte seinen Soldaten, dass es nun keine Möglichkeit mehr zur Flucht gebe. Gleichzeitig hatte die Entscheidung einen ganz praktischen militärischen Vorteil: Es mussten keine Männer mehr zu ihrem Schutz zurückbleiben, sodass die gesamte verfügbare Streitmacht eingesetzt werden konnte. Das Verbrennen der Flotte war also keineswegs bloß eine pathetische Geste: Zum einen beseitigte es eine militärische Belastung, zum anderen wirkte es sich enorm auf die Moral der Truppen aus, denen nun jede Möglichkeit zum Rückzug genommen war.
Sunzi und die Kunst des Krieges
Die Vorgehensweise des Agathokles ist schon zwei Jahrhunderte früher vom chinesischen General und Gelehrten Sunzi in seinem Werk Die Kunst des Krieges beschrieben worden. Diese nach allgemeiner Ansicht um 500 v. Chr. entstandene Schrift gilt als eines der frühesten und bis heute einflussreichsten Bücher über Strategie überhaupt. Der chinesische Militärtheoretiker rät darin dem Feldherrn, seine Truppen in eine Situation zu bringen, in der sie keinen Ausweg mehr haben. Der Gedanke dahinter ist bemerkenswert: Verändere die Rahmenbedingungen so, dass die gewünschte Entscheidung nicht nur möglich, sondern alternativlos wird.
Bringe deine Soldaten in Positionen, aus denen es keinen Fluchtweg gibt, und sie werden den Tod der Flucht vorziehen. Wenn sie den Tod vor sich sehen, gibt es nichts, was sie nicht erreichen können. Offiziere und Männer werden gleichermaßen ihre äußerste Kraft aufwenden. Soldaten in verzweifelter Lage verlieren jedes Gefühl von Furcht. Wenn es keinen Fluchtweg gibt, bleiben sie standhaft. Wenn sie im Herzen eines feindlichen Landes sind, bilden sie eine unwiderstehliche Front. Wenn sie keine Hilfe erwarten, werden sie hart kämpfen. So bleiben die Soldaten, ohne Befehle zu erwarten, ständig wachsam, und sie tun, was du willst, ohne angeleitet zu werden; sie werden ohne Vorbehalte treu sein; du kannst ihnen trauen, ohne Befehle geben zu müssen.
(Sunzi, Die Kunst des Krieges, Kapitel 11: Die neun Situationen)
General Xiang Yu und die zerschlagenen Kochtöpfe
Noch deutlicher wird das Prinzip beim chinesischen Feldherrn Xiang Yu im Jahr 207 v. Chr., der sein Heer in die entscheidende Schlacht von Julu gegen die Armee der Qin-Dynastie führte. Nachdem seine Truppen einen Fluss überquert hatten, ließ er die Schiffe versenken, die Kochtöpfe zerschlagen und die Feldlager niederbrennen. Die ohnehin schon ausgehungerten Soldaten erhielten lediglich Proviant für drei Tage.
Da führte Xiang Yu sein gesamtes Heer über den Fluss. Alle Schiffe ließ er versenken, die Kochtöpfe und Kochgefäße zerschlagen und die Unterkünfte niederbrennen. Die Soldaten nahmen nur Proviant für drei Tage mit. Damit zeigte er den Soldaten, dass sie bis zum Tod kämpfen mussten und keiner mehr an eine Rückkehr denken sollte. Als sie dort ankamen, umzingelten sie Wang Li und trafen auf das Qin-Heer. Sie kämpften neunmal, unterbrachen dessen Versorgungsweg und schlugen es vollständig. Su Jiao wurde getötet, Wang Li gefangen genommen.
(Sima Qian: Aus den Aufzeichnungen des Chronisten 7)
Hannibal zieht über die Alpen
Wenige Jahre vor der Schlacht von Julu setzte der karthagische Feldherr Hannibal alles auf eine Karte. Zwar verbrannte er keine Schiffe, doch als er 218 v. Chr. von Spanien aus mit seinem Heer über die Pyrenäen und anschließend über die Alpen nach Italien zog, entschied er sich ebenso bewusst für einen extrem riskanten Weg. Der direkte Rückweg nach Spanien war keine realistische Option mehr. Er setzte alles auf einen überraschenden Vorstoß nach Italien und darauf, Rom durch Siege auf eigenem Boden zu erschüttern. Er war bereit, diese schwierige Entscheidung konsequent durchzuziehen.
Mit Commitment zum sicheren Erfolg?
Eine Mahnung zur Vorsicht ist bei den angeführten Beispielen freilich nötig. Weder Agathokles noch Hannibal haben mit ihrem Alles-oder-nichts-Manöver am Ende den vollständigen strategischen Sieg errungen. Agathokles musste sein Heer 307 v. Chr. in Afrika zurücklassen, Hannibal gewann zahlreiche Schlachten, aber nicht den Krieg gegen Rom. Radikales Commitment erhöhte in beiden Fällen die Erfolgschancen im Moment der Entscheidung, es war aber keine Garantie für den langfristigen Erfolg.
Was können moderne Führungskräfte daraus lernen?
Der Rat des Sunzi und die Vorgehensweise von Agathokles, Hannibal und Xiang Yu lassen sich natürlich nicht eins zu eins auf ein Unternehmen übertragen. Ein Manager sollte seine Mitarbeiter nicht buchstäblich in eine Situation ohne Ausweg bringen. Aber das Prinzip des Commitments lässt sich in drei Punkten übertragen:
- Sichtbares Commitment schafft Klarheit. Wenn ein strategisches Ziel wirklich Priorität hat, sollte die Organisation das auch erkennen können. Eine Absichtserklärung, die jederzeit revidierbar bleibt, wird von Mitarbeitern zu Recht als unverbindlich wahrgenommen. Erst eine klare Entscheidung signalisiert Ernst.
- Ablenkende Optionen bewusst reduzieren. Zu viele parallele Alternativen binden Energie und Aufmerksamkeit. Führung heißt manchmal, bewusst Prioritäten zu setzen und andere Wege zu schließen, statt alle Optionen offenzuhalten. Bleibt ein Rückzug jederzeit möglich, verpufft die Kraft eines ambitionierten Vorhabens, sobald es unbequem wird.
- Die Grenzen des Prinzips kennen. Commitment ersetzt keine Strategie. Sowohl Agathokles als auch Hannibal zeigen, dass ein Alles-oder-nichts-Einsatz scheitern kann, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern oder der Gegner sich als widerstandsfähiger erweist als erwartet. Führung sollte entschlossen sein, aber nicht realitätsblind.






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