Die Kunst, nicht alles zu wissen – und warum Fragen manchmal besser sind als Antworten
Er hatte kein Amt, kein Unternehmen und keine Führungsposition. Er schrieb kein einziges Buch und hinterließ keine Managementtheorie. Und doch kann kaum ein anderer Denker der Antike modernen Führungskräften so viel über Führung, Verantwortung und Entscheidungsfindung erzählen wie Sokrates.
Sokrates wurde um 470 v. Chr. als Sohn eines Steinmetzes in Athen geboren und hat vermutlich auch selbst in diesem Beruf gearbeitet. Als schwerbewaffneter Soldat kämpfte er für seine Heimatstadt auf den Schlachtfeldern des Peloponnesischen Krieges. Er starb 399 v. Chr. durch den Schierlingsbecher. Sokrates selbst hat keine Schriften hinterlassen. Alles, was wir über ihn wissen, stammt aus den Berichten anderer, vor allem aus den Werken seiner Schüler Platon und Xenophon. Deshalb ist „der historische Sokrates" nicht leicht zu fassen. Genauso wenig gibt es eine ausgefeilte Lehre oder Theorie, die er entwickelt hätte. Trotzdem gilt er als einer der größten Denker aller Zeiten. Seine herausragende Rolle in der Geschichte der Philosophie ist nicht zuletzt daran erkennbar, dass alle Philosophen, die vor ihm lebten, als „Vorsokratiker" bezeichnet werden. Sokrates war kein Stubengelehrter, der den ganzen Tag in seiner stillen Kammer saß und Bücher schrieb. Er war vielmehr auf dem Markt oder anderen öffentlichen Plätzen anzutreffen, wo er die Menschen in Gespräche verwickelte. Sein Leben verbrachte er vor allem damit, mit seinen Mitbürgern zu diskutieren: auf dem Marktplatz, in Werkstätten, bei Festen und in den Häusern wohlhabender Athener. Er stellte Fragen – und brachte damit die Menschen dazu, ihre vermeintlichen Gewissheiten zu hinterfragen.
Hinterfrage alles!
Sokrates forderte dazu auf, gewohnte Annahmen und vermeintliche Sicherheiten ständig zu hinterfragen. Dies gilt auch und besonders für sich selbst und das eigene Leben und die eigenen Ansichten:
Und wenn ich wiederum sage, dass ja eben dies das größte Gut für den Menschen ist, täglich über die Tugend sich zu unterhalten und über die andern Gegenstände, über welche ihr mich reden und mich selbst und andere prüfen hört, ein Leben ohne Selbsterforschung aber gar nicht verdient, gelebt zu werden, das werdet ihr mir noch weniger glauben, wenn ich es sage. Aber gewiss verhält sich dies so, wie ich es vortrage, ihr Männer; nur euch davon zu überzeugen ist nicht leicht.
Platon, Apologie 38a
Im Management bedeutet dies, bestehende Prozesse und Denkmuster immer auf den Prüfstand zu stellen, statt an Traditionen festzuhalten. Moderne Manager sollten den Status quo hinterfragen und blinde Flecken in der Organisation aufdecken. Dabei können sie durchaus unbequem werden. Sokrates selbst verglich sich mit einer lästigen Stechfliege, die den trägen Staat wachrüttelt (Platon, Apologie 30e).
Anleitung zur Lösungsfindung
Sokrates gibt in seinen
Gesprächen keine Lösungen vor, sondern sorgt dafür, dass seine Gesprächspartner
zunächst erkennen, dass ihre bisherige Ansicht falsch ist, ehe sie schließlich
selbst zur richtigen Einsicht gelangen. Besonders deutlich wird dies im
platonischen Dialog Menon, wo Sokrates einen Sklavenjungen durch beharrliches
Nachfragen seinen falschen Ansatz bei der Lösung eines mathematischen Problems
erkennen und korrigieren lässt. Anschließend führt er ihn, allein durch
geschicktes Nachfragen und ohne selbst etwas vorzugeben, Schritt für Schritt
zur richtigen geometrischen Lösung.
Sokrates: Glaubst du nun, er würde sich vorher bemüht haben, das zu suchen oder
zu lernen, was er nichtwissend glaubte zu wissen, ehe er, überzeugt, er wisse
nicht, in Verwirrung geriet und sich nach dem Wissen sehnte?
Menon: Nein, dünkt mich, Sokrates.
Sokrates: Nutzen hat ihm also das Erstarren gebracht?
Menon: So dünkt mich.
Sokrates: Sieh nun aber auch zu, was er von dieser Verlegenheit aus mit mir suchend auch finden wird, indem ich ihn immer nur frage und niemals lehre. Und gib wohl acht, ob du mich je darauf betriffst, dass ich ihn lehre und ihm vortrage, und nicht seine eigenen Gedanken nur ihm abfrage.
Platon, Menon
84c–d
Sokrates verwickelte seine
Gesprächspartner stets in einen Dialog. Durch geschicktes Fragen bewirkte er,
dass diese selbst Wissen gebaren. Daher hat sein Schüler Platon dieses Vorgehen
auch als Maieutik, als „Hebammenkunst", bezeichnet – eine Anspielung, die
nicht zufällig gewählt ist: Sokrates' Mutter Phainarete war tatsächlich
Hebamme.
Diese Methode ist
aktueller, als es zunächst scheint. Unter Bezeichnungen wie „sokratisches
Coaching" oder „sokratische Gesprächsführung" hat die Maieutik längst
Eingang in moderne Führungstrainings gefunden: Statt Mitarbeitenden Lösungen
vorzugeben, führt eine Führungskraft sie durch gezielte Fragen dazu, eigene
Lösungen zu entwickeln. Der Effekt ist derselbe wie bei Sokrates'
Gesprächspartnern vor über 2.000 Jahren – wer eine Erkenntnis selbst
erarbeitet, verinnerlicht sie tiefer und trägt sie eigenverantwortlicher mit,
als wenn sie ihm einfach mitgeteilt wird.
Kenne die Grenzen deines eigenen Wissens
Sokrates wurde berühmt für
seine besondere Form der Bescheidenheit. Seine Weisheit bestand nämlich gerade
darin, zu erkennen, dass menschliches Wissen begrenzt ist. In Platons Apologie
berichtet Sokrates, dass sein Freund Chairephon zum berühmten Orakel von Delphi
gegangen sei, um dort nachzufragen, ob jemand weiser sei als Sokrates, was der
Gott Apollo jedoch verneinte. Daraufhin wollte Sokrates überprüfen, ob diese
Ansicht richtig sei.
Denn nachdem ich dieses gehört, gedachte ich bei mir also: Was meint doch wohl der Gott? Und was will er etwa andeuten? Denn das bin ich mir doch bewußt, dass ich weder viel noch wenig weise bin. Was meint er also mit der Behauptung, ich sei der Weiseste? Denn lügen wird er doch wohl nicht; das ist ihm ja nicht verstattet. Und lange Zeit konnte ich nicht begreifen, was er meinte; endlich wendete ich mich gar ungern zur Untersuchung der Sache auf folgende Art: Ich ging zu einem von den für weise Gehaltenen, um dort, wenn irgendwo, das Orakel zu überführen und dem Spruch zu zeigen: »Dieser ist doch wohl weiser als ich, du aber hast auf mich ausgesagt.« Indem ich nun diesen beschaute – denn ihn mit Namen zu nennen ist nicht nötig; es war aber einer von den Staatsmännern –, auf welchen schauend es mir folgendergestalt erging, ihr Athener: Im Gespräch mit ihm schien mir dieser Mann zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhaßt ward und vielen der Anwesenden. Indem ich also fortging, gedachte ich bei mir selbst: Weiser als dieser Mann bin ich nun freilich. Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.
Platon, Apologie 21b–d
Auf diese Stelle geht auch
das berühmte Zitat „Ich weiß, dass ich nichts weiß" zurück, das Sokrates
zugeschrieben wird, in dieser kurzen und prägnanten Form jedoch nicht
überliefert ist. Die Argumentation von Sokrates klingt zunächst wie eine
philosophische Spitzfindigkeit. Für Führungskräfte ist diese Erkenntnis aber essentiell.
Gerade Führungskräfte tendieren gerne dazu, Allwissenheit zu demonstrieren.
Sokrates zeigt dagegen, dass das bewusste Akzeptieren von Wissenslücken der
erste Schritt zu wahrer Erkenntnis ist.
Eine Führungskraft, die
immer Recht haben muss, schafft eine gefährliche Umgebung. Mitarbeiter
beginnen, Probleme zu verschweigen, Widerspruch zu vermeiden und dem Chef nach
dem Mund zu reden. Die souveränere Führungskraft kann dagegen sagen: „Das weiß
ich nicht." Oder noch besser: „Welche Information fehlt uns, um diese
Entscheidung vernünftig zu treffen?" Sokrates' Haltung ist keine
intellektuelle Schwäche, sondern eine Form von Stärke. Wer seine eigenen
Wissensgrenzen kennt, kann besser zuhören, bessere Fragen stellen und bessere
Entscheidungen treffen.
Gehorche den Gesetzen
Auch wenn Sokrates durch
sein radikales Fragen an den Anschauungen der Menschen rüttelte, bedeutete dies
nicht, dass für ihn alles beliebig war. Im Gegenteil: Als er 399 v. Chr. zum
Tod verurteilt wurde, weil er angeblich die Jugend verderbe und neue Götter
einführe, hätte er die Möglichkeit gehabt, aus Athen zu fliehen. Sein Freund
Kriton versuchte, ihn davon zu überzeugen. Doch Sokrates lehnte ab. Sokrates
argumentierte, dass er sein ganzes Leben in Athen verbracht habe. Er habe damit
einen stillschweigenden Vertrag mit den Gesetzen der Stadt geschlossen, diese
zu achten und bedingungslos anzuerkennen. Wenn ein einzelner Bürger sich das
Recht nähme, gegen die Gesetze zu handeln, würde der Staat seine Gültigkeit
verlieren. Der Philosoph stellte das Prinzip des Rechtsstaats und die
Rechtsordnung über seine persönliche Notlage. Selbst wenn das Urteil ungerecht
war, stand der Gehorsam gegenüber der Rechtsordnung für Sokrates an erster
Stelle.
Diese Einstellung ist auch
für heutige Führungskräfte wesentlich: Eine funktionierende Ordnung lebt davon,
dass Regeln grundsätzlich verbindlich sind. Wer Regeln nur dann akzeptiert,
wenn sie den eigenen Interessen entsprechen, zerstört ihre Verbindlichkeit.
Tugend an erster Stelle
Sokrates betont, dass man
stets recht handeln solle. Unrecht sei durch nichts zu rechtfertigen, weder
durch die Abwehr von Bösem noch durch die Rache von erlittenem Unrecht:
Also darf man keinem Menschen weder Ungerechtes vergelten noch Schlechtes tun, mag man auch was immer von ihm zu erleiden haben.
Platon, Kriton 49b–c
Entscheidend ist dabei das
Wissen um das Gute, das auch dazu befähigt, Gutes zu tun. Nach Sokrates handelt
niemand gegen die bessere Erkenntnis. Wer weiß, was das Gute ist, wird sich
nicht für das Böse entscheiden und nicht wissentlich Übles tun.
Ich wenigstens glaube dieses, dass kein weiser Mann der Meinung ist, irgendein Mensch tue Schlechtes aus freier Wahl oder vollbringe irgend etwas Böses oder Schlechtes aus freier Wahl, sondern sie wissen wohl, dass alle, welche Böses und Schlechtes tun, es unfreiwillig tun.
Platon, Protagoras 345d–e
Das ist eine bemerkenswerte
Lektion für Führungskräfte. Unter normalen Umständen ist es leicht, von
Integrität zu sprechen. Interessant wird sie erst unter Druck: wenn ein Geschäft
verloren geht, wenn ein Mitarbeiter unbequem wird, wenn eine Entscheidung dem
eigenen Karriereinteresse schadet oder wenn die kurzfristig einfachere Lösung
den eigenen Grundsätzen widerspricht. Prinzipien sind erst dann glaubwürdig,
wenn sie auch dann gelten, wenn ihre Einhaltung unbequem wird.
Was können moderne
Führungskräfte von Sokrates lernen?
- Fragen vor
Antworten:
Wer als Führungskraft nicht sofort jede Antwort parat hat, sondern gezielt
nachfragt, fördert eigenständiges Denken im Team und deckt blinde Flecken
auf, statt sie zu übertünchen.
- Wissenslücken
zugeben statt Allwissenheit vortäuschen: Die Bereitschaft, „Das weiß ich
nicht" zu sagen, schafft eine Kultur, in der Probleme offen
angesprochen statt verschwiegen werden.
- Prinzipientreue
unter Druck: Regeln und Integrität zählen nicht dann, wenn sie bequem sind,
sondern gerade dann, wenn ihre Einhaltung etwas kostet. Das ist die
eigentliche Bewährungsprobe von Führung.




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