Lebe heute! Martials Tipps für ein glückliches Leben
Der römische Dichter Marcus Valerius Martialis, meist Martial genannt, wurde 40 n. Chr. in Bilbilis im heutigen Spanien geboren. Um das Jahr 63/64 n. Chr. ging er nach Rom, wo er zunächst in ärmlichen Verhältnissen lebte und von reichen Gönnern finanziell unterstützt wurde. Gerne kokettierte er mit dem von ihm gepflegten Bild eines Bettelpoeten, doch dürfte dies übertrieben gewesen sein, denn mit der Zeit brachte es Martial in Rom durchaus zu einem gewissen Wohlstand. Er erhielt den Rang eines Militärtribuns, besaß ein Stadthaus und nannte auch ein Landgut sein eigen. Nach dem Sturz des Kaisers Domitian, den Martial hofiert und als idealen Herrscher gepriesen hatte, veränderten sich die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in Rom. Martial kehrte um 98 n. Chr. in seine spanische Heimat zurück, wo ihm seine Gönnerin Marcella ein Landgut zur Verfügung stellte. Um 104 n. Chr. ist er schließlich in seiner Geburtsstadt Bilbilis verstorben.
Sein Werk
besteht fast ausschließlich aus Epigrammen, kurzen, pointierten Gedichten, in
denen er sich humorvoll und satirisch mit dem Alltagsleben auseinandersetzte.
Mit oft beißendem Spott und pointierten Wortspielen nahm er die verschiedensten
Personen, Typen und Bevölkerungsgruppen aufs Korn, ließ aber auch tagesaktuelle
Geschehnisse, Anekdoten sowie Klatsch und Tratsch in seine Werke einfließen.
Unter den über 1500 Epigrammen, die er in mehreren Büchern publizierte, finden
sich aber auch einige Gedichte, in denen sich Martial mit der Frage
beschäftigt, was eigentlich ein glückliches Leben ausmacht und wie man ein
solches erreicht. Er ist kein Philosoph und gibt keine ausgefeilte und
systematische Antwort, sondern äußert sich in mehreren oft witzigen, manchmal
melancholischen Epigrammen zu wesentlichen Fragen: Was und wieviel braucht der
Mensch wirklich? Wie kann man sich von gesellschaftlichen Zwängen befreien? Und
wie lernt man, die begrenzte Lebenszeit zu genießen? Das berühmteste Epigramm,
das sich mit diesen Problemen beschäftigt, widmet der Dichter seinem engen
Freund Julius Martialis:
Was das Leben
glücklicher macht,
mein liebster
Martialis, ist dies:
ein Vermögen, nicht
durch mühevolle Arbeit erworben, sondern geerbt;
ein nicht unergiebiges
Feld, ein Herdfeuer, das nie ausgeht;
niemals ein Prozess,
selten Auftritte in der Toga, ein ruhiges Gemüt;
eine gute Physis, ein
gesunder Körper;
kluge Einfalt, gleichgesinnte
Freunde;
ungezwungene
Tischgesellschaft, ein einfaches Mahl;
die Nacht ohne Rausch,
doch frei von Sorgen;
ein Lager, nicht
freudlos, aber ehrbar;
Schlaf, der die
Finsternis kurz werden läßt:
Was du bist, wünsche
zu sein, und wünsche nichts darüber hinaus;
den letzten Tag
fürchte nicht noch sehne ihn herbei.
Martial, Epigramme 10,47
Zu den
Dingen, die Martial hier aufzählt, gehören die materielle Sicherheit (die man
am besten nicht im Schweiße des eigenen Angesichts erschuften musste), ein
gemütliches Zuhause, möglichst wenig Rechtsstreit und lästige Verpflichtungen
(mit der hier erwähnten Toga spielt er wohl am ehesten auf den Klientendienst
an, mag sich aber auch auf politische Tätigkeiten beziehen), ein ruhiger Geist,
Gesundheit und Fitness, unkomplizierte gute Freundschaften, gutes Essen ohne
übertriebenen Luxus, gesellige Abende ohne Trunkenheit, ein erfülltes Privatleben
ohne sexuelle Ausschweifungen und erholsamer Schlaf. Entscheidend ist auch die
Vermeidung von übertriebenem Ehrgeiz, wie Martial im vorletzten Vers anmahnt:
Sei mit dem zufrieden, was du hast und was du bist. Und schließlich solle man
sich nicht vor dem unvermeidlichen Tod fürchten, diesen aber auch nicht
herbeisehnen.
Martial propagiert
eine lebensnahe Genügsamkeit, ohne eine radikale Bedürfnislosigkeit zu fordern.
Besitz, alltägliche Genüsse wie gutes Essen und ein erfülltes Sexualleben sind
wichtig. Glück hängt aber nicht davon ab, immer mehr zu besitzen. Wichtig ist
für ihn die Freiheit: Ein ruhiger Geist ist mehr wert als ein Leben voller
Verpflichtungen und Konflikte. Und schließlich empfiehlt er eine gewisse
Gelassenheit gegenüber der eigenen Endlichkeit. Man soll das Leben weder aus
Todesangst vergeuden noch den Tod herbeiwünschen.
Viele dieser Aspekte greift Martial auch in
anderen Epigrammen wieder auf, so etwa in folgendem, das wiederum Julius Martialis
gewidmet ist:
Wenn ich mit dir
zusammen, teurer Martialis,
sorgenfreie Tage
genießen dürfte,
wenn ich in Muße über
die Zeit verfügen
und für ein wirkliches
Leben gemeinsam mit dir frei sein könnte,
dann bräuchten wir
nichts von den Hallen und Palästen der Mächtigen
zu wissen,
nichts von tristen
Prozessen und dem trübsinnigen Forum
und nichts von den
stolzen Ahnenbildern,
sondern Promenieren, Plaudern, Bücher,
Marsfeld, Säulenhalle,
Schatten, der Jungfrauenbrunnen, Thermen,
das wären stets unsere
Treffpunkte, das unsere Aktivitäten.
Jetzt lebt keiner von
uns beiden ein ihm gemäßes Leben, und wir spüren,
daß glückliche
Sonnentage entfliehen und entschwinden,
die uns verlorengehen
und doch angerechnet werden:
Zögert da einer noch,
wo er doch weiß, was Leben heißt?
Epigramme 5,20
Der Dichter
beklagt, dass weder er noch sein Freund derzeit ein glückliches Leben führen.
Die glücklichen Sonnentage gehen ungenutzt vorüber, werden aber dennoch auf die
Lebenszeit angerechnet. Gesellschaftliche Verpflichtungen, Geschäfte und
Rechtsstreitigkeiten, das Streben nach Reichtum und Ansehen prägen den Alltag.
Diesen Dingen stellt Martial das „wahre Leben“ gegenüber und nennt dafür als
Beispiele Spaziergänge an der frischen Luft, gute Gespräche, Literatur, das
Marsfeld, auf dem die Römer gerne ihre Freizeit verbrachten, Säulenhallen, in
denen man angenehm verweilen konnte, oder Thermen, die für die Römer Oasen von
Erholung und Geselligkeit darstellten. Diese Liste liest sich nicht
spektakulär, sie besteht nicht aus großen Taten und kostspieligem Luxus,
sondern widmet sich den kleinen Freuden des Alltags: Bewegung, Kultur, sozialen
Kontakten und angenehmen Orten. Dieses Gedicht rückt ein zutiefst römisches
Konzept in den Fokus: den Widerspruch zwischen otium und negotium.
Während negotium für Geschäfte,
Verpflichtungen und öffentliche Angelegenheiten steht, bezeichnet otium nicht einfach Faulheit oder
Untätigkeit, sondern es ist die Freiheit über die eigene Zeit zu verfügen und
sich Tätigkeiten, die man schätzt, um ihrer selbst willen zu widmen, ein Konzept,
das wir im Deutschen als Muße bezeichnen können.
In einem weiteren
Epigramm, das ebenfalls an seinen Freund Julius Martialis gerichtet ist, der zu
diesem Zeitpunkt schon beinahe sechzig Jahre alt ist, ermahnt Martial, im Heute
zu leben und das Glück nicht aufzuschieben. Sorgen und Mühen gewinnen schnell
die Oberhand, und die Freuden sind flüchtig. Umso wichtiger ist es, die schönen
Dinge nicht aufzuschieben. Der Weise sagt nicht, er wird leben, sondern er lebt
schon heute.
O Julius, den ich vor allen meinen Gefährten
zuerst nennen muss,
falls lange Vertrautheit und ehrwürdige Rechte
noch etwas gelten:
Beinahe steht dir schon zum zweiten Mal der
dreißigste Konsul ins Haus,
und dein Leben zählt kaum ein paar Tage.
Nicht gut tust du daran zu verschieben, was
dir, wie du siehst, vielleicht
auch versagt wird,
und nur das solltest du für dein Eigentum
halten, was es vorher schon war.
Sorgen und eine lange Kette von Mühen warten
auf dich,
Freuden verweilen nicht, nein, sie verschwinden
wie im Flug.
Nach ihnen greife mit beiden Händen, mit ganzer
Umarmung:
Auch so werden sie noch oft tief aus deinem
Innern entgleiten.
Glaube mir, kein Weiser sagt: »Ich werde
leben.«
Zu spät kommt das auf morgen verschobene Leben:
Lebe heute!
Epigramme 1,15
Martial
wendet sich gegen Menschen, die ihr eigentliches Leben immer wieder
aufschieben. Wer glaubt, dass die Zeit zum Leben irgendwann schon kommen wird,
verkennt, dass die Zeit unterdessen unwiederbringlich verrinnt. Glück bedeutet
nicht nur, vernünftig zu leben, sondern das Leben auch tatsächlich zu nutzen.
Diesen
Gedanken greift der Dichter auch im folgenden Epigramm auf, das an einen
fiktiven Postumus gerichtet ist. Dieser beteuert offenbar ständig, morgen mit
dem glücklichen Leben anfangen zu wollen. Spöttisch fragt Martial, wo dieses "Morgen" denn eigentlich sei :
Morgen werdest du leben, sagst du, Postumus,
immer.
Sag’ mir: dieses "Morgen", Postumus, wann kommt
es?
Wie weit ist dieses "Morgen" entfernt, wo ist
es? Woher soll man es holen?
Es hat sich doch wohl nicht bei Parthern und
Armeniern versteckt?
Schon hat dieses "Morgen" die Jahre von Priamos
oder Nestor.
Dieses "Morgen": um welchen Preis, sag’ mir,
kann man es kaufen?
Morgen willst du leben? Heute zu leben,
Postumus, ist schon zu spät.
Der ist weise, Postumus, der bereits gestern
lebte!
Epigramme 5,58
Martial
macht sich über das „Morgen“ lustig, das sich nicht nur bei den Parthern und
Armeniern befinde, also weit weg, sondern inzwischen auch so alt sei wie
Priamos oder Nestor, zwei Gestalten aus der griechischen Mythologie, die für ihr
hohes Alter bekannt sind. Pointiert ist auch die kritische Frage des Dichters,
für wie viel man dieses "Morgen" kaufen könne. Denn Geld und Besitz können zwar
vieles ermöglichen, sie verschaffen den Menschen aber keine zusätzliche
Lebenszeit und garantieren auch nicht, dass man irgendwann tatsächlich anfangt
zu leben. Im Fazit verschärft er seine Aussage aus dem vorhin betrachteten
Epigramm sogar noch einmal: Sogar das Leben im Heute ist schon zu spät, der
Weise hat bereits gestern gelebt! Mit dieser bewussten Übertreibung macht er
deutlich, dass wer sein Leben immer wieder aufschiebt, irgendwann feststellt,
dass die Gelegenheit dazu vergangen ist.
Doch wann
soll man wirklich damit beginnen, das Leben zu genießen? Müssen dafür bestimmte
Voraussetzungen, wie etwa ein bestimmter finanzieller Polster, erfüllt sein? In
einem weiteren Gedicht, das sich an den berühmten Rhetoriklehrer Quintilian
wendet, plädiert Martial dafür, frühzeitig aus dem Hamsterrad der Karriere und
dem Streben nach Reichtum auszusteigen und ein bescheidenes Glück zu genießen.
Er rechtfertigt darin seine Eile, das Leben zu genießen, obwohl er noch jung
und arm ist. Doch er will nicht warten, bis sich seine äußeren Umstände
bessern.
Quintilian, du hoher
Erzieher einer flatterhaften Jugend,
Quintilian, du Ruhm
der römischen Toga,
dass ich mich beeile
zu leben, arm wie ich bin und nicht von den Jahren
verbraucht,
das verzeihe mir: Dass
er lebe, damit beeilt sich niemand genug.
Aufschieben mag es,
wer sein väterliches Vermögen zu übertreffen
wünscht
und sein Atrium mit
zahllosen Ahnenbildern vollstopft.
Mich erfreuen ein Herd
und ein Dach, das den schwarzen Rauch nicht
übel nimmt,
ein muntrer Quell und
ein schlichter Rasen.
Ich wünsche mir einen
satten Sklaven, eine nicht allzu gelehrte Frau,
Schlaf in der Nacht,
und ohne einen Prozess den Tag.
Epigramme 2,90
Für Martial
ist die Antwort klar: Wohlstand ist keine unabdingbare Voraussetzung für ein
erfülltes Leben. Man muss sich das Recht auf Lebensfreude nicht erst durch
Reichtum oder Erfolg verdienen. Seine Definition von Glück ist dabei wiederum
recht bescheiden: Ein Haus, ein Garten, erholsamer Schlaf und keine Prozesse,
in die er verwickelt ist. Bemerkenswert ist auch, dass er sich einen satten
Sklaven wünscht – eine Formulierung, die zumindest das Bild eines bescheidenen und
idyllischen Haushalts vermittelt. Natürlich ist auch seine Vorstellung einer idealen
Ehefrau von den gesellschaftlichen Normen und den traditionellen Rollenbildern seiner
Zeit geprägt: Er sehnt sich nach einer unkomplizierten, harmonischen
Partnerschaft mit einer Frau, die nicht durch übermäßige Gelehrsamkeit hervortritt.
Das Bild
eines beschaulichen Landlebens, das Martial immer wieder entwirft, steht im
Gegensatz zu seinem hektischen Alltag in Rom. Das Leben in der
Millionenmetropole sieht der Dichter in vielen seiner Werke sehr kritisch.
Folgerichtig kehrt er schließlich auch der Hauptstadt des Imperium Romanum den
Rücken zu und in seine spanische Heimat zurück. In einem Gedicht, das er seinem
Dichterkollegen Juvenal widmet, kontrastiert er das Leben in Rom mit jenem in
Bilbilis. Während Juvenal in der lärmerfüllten Stadt rastlos und verschwitzt
von einem mächtigen Patron zum nächsten hetzt, genießt Martial die ländliche
Ruhe. Nach Jahren kann er endlich wieder ausschlafen, kann sich bequem kleiden,
Holz aus dem nahen Eichenwald brennt in seinem Herd.
Während du jetzt vielleicht rastlos umherirrst
in der lärmerfüllten Subura, Juvenal,
oder den Hügel der Herrin Diana öfter begehst,
während dich über die Schwellen der Mächtigen
mit Schwung die schweißtriefende Toga treibt
und dich beim
Umherstreifen
der große und kleine Caelius ermüden,
hat mich – stolz auf sein Gold und sein Eisen –
mein Bilbilis empfangen,
das ich nach vielen Dezembern jetzt wieder
aufsuchte,
und zum Bauern gemacht.
Hier bestelle ich stressfrei, in angenehmer
Arbeit,
Boterdum und Platea –
so ungeschlachte Namen tragen die
keltiberischen Länder –.
Ich genieße einen tiefen, unverschämt langen
Schlaf,
den auch die dritte Stunde oft nicht
unterbricht,
und hole jetzt voll und ganz das alles nach,
was ich dreißig Jahre hindurch zu wenig
geschlafen hatte.
Unbekannt ist hier die Toga, doch reicht man
mir, bitt’ ich darum,
von einem zerbrochenen Stuhl das nächstbeste
Kleidungsstück.
Stehe ich auf, empfängt mich der Herd, mit
einem prachtvollen
Holzstoß aus dem nahen Eichenwalde wohl
versorgt,
den die Verwalterin mit vielen Töpfen voll
stellt.
Ein Jäger begleitet mich, doch einer, wie du
ihn
gerne im einsamen Walde hättest.
Den Knaben teilt ein bartloser Verwalter ihre
Aufgaben zu
und bittet darum, seine langen Haare
abschneiden zu dürfen.
So gefällt’s mir zu leben, so auch zu sterben.
Epigramme 12,18
Martial
genießt die Freiheit, seine Zeit selbst einteilen zu können. Er muss nicht mehr
jeden Morgen bei seinem Patron zur salutatio
erscheinen und den gesellschaftlichen Verpflichtungen eines Klienten
nachkommen. Endlich kann er den Schlaf nachholen, auf den er während 30 Jahren
in Rom verzichten musste. Zeit und Schlaf werden so zu einem Luxus, den ihm
Geld und Erfolg nicht verschaffen konnten. Bemerkenswert ist der Schlusssatz:
Martial betont, das Leben gefunden zu haben, das er bis zu seinem Tode führen
will. Dabei darf man freilich nicht vergessen, dass Martial das Landleben
literarisch idealisiert: Wie häufig in seinen Epigrammen entsteht die Pointe
gerade aus dem pointierten Gegensatz zwischen dem anstrengenden Stadtleben und
der vermeintlich unkomplizierten Ruhe auf dem Land.
Ein Loblied
auf das bescheidene Landleben singt Martial auch in einem weiteren Epigramm, wo
er sich nach einem kleinen Landgut in Spanien sehnt, auf dem er mit minimalem
Aufwand reich leben kann. Er braucht die Statussymbole Roms nicht, sondern
erfreut sich daran, dass sein kleiner Besitz ihm vieles bietet, wofür er in der
Hauptstadt teuer bezahlen müsste.
Daß ich oft von allzu entfernten Völkern rede,
Avitus,
wo ich doch in Latiums Stadt alt geworden bin,
erstaunt dich;
daß es mich nach dem goldreichen Tagus und dem
heimatlichen Salo
dürstet
und es mich nach dem armseligen Landsitz mit
seiner wohl
ausgestatteten Hütte zurückverlangt.
Mir gefällt jenes Stück Erde, wo schon geringer
Besitz mich glücklich
macht und bescheidener Wohlstand ein Leben im
Luxus bedeutet:
Hier muß man den Acker füttern, dort füttert er
dich; mit kargem Feuer
wärmt
hier der Herd, mit gewaltigem Scheine strahlt
er dort;
hier ist der Hunger kostspielig, und der Markt
macht einen bankrott,
dort ist mein Tisch mit dem Reichtum vom
eigenen Boden gedeckt;
vier Togen und mehr verbraucht man hier in
einem Sommer,
dort schützt mich eine einzige vier Herbste
hindurch.
Los, hofiere jetzt die Patrone, wenn alles, was
ein Freund nicht bietet,
dir, Avitus, ein Ort zu bieten vermag!
Epigramme 10,96
In diesem
Gedicht, in dem er erneut das Leben in Rom dem Leben auf dem Land
gegenüberstellt, bringt Martial seine Vorstellung von Genügsamkeit auf den
Punkt: Ein kleiner Besitz macht mich glücklich, und selbst bescheidene Mittel
werden bei mir zum Luxus. Glück hängt nicht von der Größe des Besitzes ab. Man
kann auch mit bescheidenen Mitteln ein luxuriöses Leben führen, wenn man
weniger Bedürfnisse hat.
Wichtig ist
freilich nicht nur das momentane Glück, sondern auch der Rückblick auf das
gesamte Leben. Diesen Gedanken greift Martial im folgenden Gedicht über den
römischen Politiker und Feldherrn Antonius Primus auf. Martial beschreibt ihn
als einen Mann, der schon auf ein langes und friedliches Leben zurückblickt. Er
fürchtet sich auch nicht vor dem nahenden Tod. Wichtig ist nicht nur der Genuss
des Lebens, sondern auch die dankbare Erinnerung und die Fähigkeit, auf das
eigene Leben zurückzublicken und sich am Erlebten zu freuen.
Antonius Primus, der glückliche, zählt in
seinem friedlichen Leben
schon volle fünfzehn Olympiaden;
auf die vergangenen Tage und auf sorgenfreie
Jahre blickt er zurück
und fürchtet sich auch nicht vor dem Wasser der
Lethe, die schon näher
kommt.
Denkt er zurück, ist kein Tag für ihn
unangenehm oder schwer;
keinen gab es für ihn, an den er sich nicht
gerne erinnern möchte.
Ein guter Mann verlängert für sich die Spanne
seiner Lebenszeit:
Das frühere Leben genießen zu können heißt,
zweimal zu leben.
Epigramme 10,23
Es gibt
keinen Tag, an den er sich nicht gerne erinnert, der unangenehm oder
beschwerlich gewesen wäre. Das ist ein entscheidender Aspekt eines glücklichen
Lebens – es geht nicht nur darum, im Augenblick glücklich zu sein, sondern sich
später auch gern daran zu erinnern und nichts zu bereuen. Wie Martial sagt,
lebt derjenige zweimal, der sich auch seiner Vergangenheit erfreuen kann und
der das Leben, das er geführt hat, bejaht.
Einen letzten Aspekt behandelt Martial schließlich in einem Epigramm, das der Dichter seinem Bekannten Marcianus widmet. Darin hebt er hervor, dass der schon 62-jährige Cotta sich sein ganzes langes Leben lang nie mit Krankheiten herumplagen musste und den Ärzten den schon bei den Römern bekannten Stinkefinger zeigte.
Die sechzigste Ernte, Marcianus,
hat Cotta erlebt und zwei weitere, glaub’ ich,
ohne daß er sich entsänne, die Unbill eines
fieberwarmen Bettes
auch nur einen Tag erlebt zu haben.
Den Finger, und zwar den unzüchtigen, zeigt er
Alkon, Dasius und Symmachus.
Aber berechnet man meine Jahre richtig
und zieht all das vom besseren Teil des Lebens
ab,
was widrige Fieberanfälle davon nahmen
oder lästige Schwäche und böse Schmerzen:
Dann bin ich noch ein Kind und nur zum Schein
ein alter Mann.
Wer das Leben eines Priamos oder Nestor
für lang ansieht, Marcianus,
täuscht sich gewaltig und betrügt sich selbst:
Leben heißt nicht am Leben zu sein, sondern
gesund zu sein.
Epigramme 6,70
Nicht
allein die Zahl der Lebensjahre entscheidet also über die Qualität des Lebens.
auch Gesundheit ist für Martial ein wesentlicher Bestandteil des Glücks. Martial
spitzt den Gedanken zu, dass die Zahl der Lebensjahre allein wenig über deren
Qualität aussagt: Jahre, die von Krankheit und Schmerzen geprägt sind,
erscheinen ihm weniger als ein erfülltes Leben und sollten von der Lebenszeit
abgezogen werden. Denn wie er im Schlussvers resümiert, heißt Leben nicht nur
am Leben zu sein, sondern gesund zu sein.
Was macht also das Glück nach Martial aus?
In seinen Epigrammen entwickelt Martial klare Vorstellungen, was für ihn ein gutes und glückliches Leben ausmacht. Sein Rezept für ein erfülltes Leben ist dabei recht realistisch. Glück hängt für ihn nicht von Reichtum, Ansehen oder außergewöhnlichen Erfolgen ab. Vielmehr sind es die einfachen Dinge, die den Unterschied machen:
- Zeit für sich selbst, seine Freunde und die Literatur zu haben (otium). Freundschaft und Geselligkeit sind wichtiger als gesellschaftlicher Glanz. Martial schätzt Menschen mit denen man unkompliziert Zeit verbringen kann, er liebt gutes Essen und ehrliche Gespräche.
- Die Zeit verstreicht unwiederbringlich. Martial fordert auf, heute zu leben und seine Wünsche nicht immer wieder zu vertagen. Das Leben soll nicht erst beginnen, wenn Karriere, Vermögen und gesellschaftliche Stellung stimmen. Glück lässt sich nicht auf die Zukunft verschieben, sondern muss im Hier und Jetzt realisiert werden.
- Materielle Sicherheit ist gut, aber sie soll der Freiheit dienen. Martial ist kein Gegner von Besitz, aber er spricht sich gegen ein Leben aus, das vom Streben nach Reichtum und Anerkennung, von Verpflichtungen, Ämtern und Konkurrenz beherrscht wird. Vielmehr ist es das idealisierte Landleben, das für den Dichter zum Glück führt.
- Das Glück braucht einen gesunden Körper und einen ruhigen Geist. Ein Leben voller körperlicher Beschwerden und Sorgen verliert an Qualität, auch wenn es lange dauert.
- Man soll sein Leben annehmen, mit dem zufrieden sein, was man hat und nicht ständig ein anderes Leben begehren. Das heißt nicht, dass man alles hinnehmen sollte, sondern vielmehr sollte man sich bewusst machen, was einem wirklich wichtig ist. Am Lebensende sollte man zufrieden zurückschauen und sein Leben bejahen können. Zum Annehmen gehört auch die Akzeptanz des Todes, den man weder fürchten noch herbeiwünschen soll.
Anmerkung: Die Übersetzungen sind der Ausgabe von Paul
Barié und Winfried Schindler entnommen.






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